Deutschland erinnert mehr als jedes andere Land der Welt an den Zweiten Weltkrieg und die Verbrechen des Nationalsozialismus. Elf spezifische Gedenktage zu Themen rund um den Zweiten Weltkrieg, den Holocaust und die NS-Diktatur strukturieren das Gedenkjahr. An kaum einem dieser Tage fehlt die Inszenierung: Bundespräsident, Kanzler oder Minister treten auf, sprechen feierliche Worte, zeigen Betroffenheit. Die mediale Begleitung ist gesichert.
Aber ist diese ununterbrochene Gedenkkette noch normal – oder längst zum Selbstzweck geworden?
Die Gedenktage der Bundesrepublik
Deutschland hat folgende elf, zum Teil gesetzlich verankerte, Gedenktage:
- 27. Januar – Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus
- 19. April – Gedenken an den Aufstand im Warschauer Ghetto
- 8. Mai – Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus
- 10. Mai – Erinnerung an die Bücherverbrennung 1933
- 20. Juli – Attentat auf Hitler 1944
- 2. August – Gedenktag für ermordete Sinti und Roma
- 23. August – Europäischer Gedenktag für Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus
- 1. September – Antikriegstag (Beginn des Zweiten Weltkriegs)
- 23. September – Gedenktag für Opfer von Zwangssterilisation und „Euthanasie“
- 9. November – Gedenken an die Reichspogromnacht 1938
- November – Volkstrauertag
Fast monatlich bietet sich somit eine Gelegenheit für politische Gedenkrituale. Dies ist außergewöhnlich: Frankreich und England begnügen sich mit je einem Gedenktag für den Zweiten Weltkrieg – dem 8. Mai bzw. dem Remembrance Sunday – und zusätzlich einem Gedenktag für den Holocaust: Frankreich am 27. Januar, Großbritannien am Holocaust Memorial Day, ebenfalls am 27. Januar. In Italien und Polen gibt es zwei bis drei. In Japan ist das Gedenken an Hiroshima und Nagasaki lokal begrenzt, national zählt nur der 15. August als offizieller Kriegsendtag.
Das deutsche Gedenksystem ist kein Ergebnis spontaner Erinnerungskultur, sondern über Jahrzehnte planvoll ausgebaut worden. In der frühen Bundesrepublik war das anders: In den 1950er-Jahren gab es mit dem 20. Juli (Widerstand), dem Volkstrauertag (Kriegsopfer) und dem Antikriegstag des DGB (ab 1957) nur drei etablierte Gedenkanlässe – die sich noch auf die zentralen Themen Krieg und Holocaust beschränkten. Damit lag Deutschland in seiner Gedenkkultur lange auf Linie mit anderen europäischen Staaten. Erst ab den 1980er-Jahren setzte ein spürbarer Ausbau ein, der in den 1990er-Jahren forciert wurde: 1996 wurde der 27. Januar als Holocaust-Gedenktag eingeführt, 2009 folgte der EU-Gedenktag für die Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus, 2015 der Gedenktag für die ermordeten Sinti und Roma. Weitere thematische Erweiterungen wie Zwangssterilisation, Bücherverbrennung oder das Warschauer Ghetto etablierten sich durch mediale Einflussnahme.

Politiker beim Gedenken 2024
Die Gedenktage bieten über das Jahr Politikern die Gelegenheit, sich in Szene zu setzen. Tritt man während eines Gedenktages vor die Kameras, wird man medial ausschließlich positiv erwähnt, und Kritiker schweigen aus Pietät. Zum Beispiel waren im Jahr 2024 alle elf Gedenktage von hochrangigen Auftritten geprägt:
- 27. Januar: Bundeskanzler Olaf Scholz, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Innenministerin Nancy Faeser und Außenministerin Annalena Baerbock äußerten sich mit klaren Botschaften. „Nie wieder ist jeden Tag“, sagte Scholz. Steinmeier rief zur Wachsamkeit auf.
- 8. Mai: Scholz veröffentlichte eine Botschaft zur Befreiung vom Nationalsozialismus. Bundesratspräsidentin Manuela Schwesig vertrat Deutschland in Paris.
- 9. November: Steinmeier sprach per Videobotschaft zu Israel. Scholz erinnerte online an die Pogromnacht.
- 23. September: Ein Bundestagsantrag erkannte die Opfer von „Euthanasie“-Morden offiziell an. Jürgen Dusel, Behindertenbeauftragter, mahnte.
- 19. April: Bundestagspräsidentin Bärbel Bas erinnerte an den Aufstand und würdigte den Mut der jüdischen Kämpfer. 2023 wurde groß gedacht.
- 1. September: Der ehemalige IG-Metall-Vorstand Horst Schmitthenner sprach über Rüstung, soziale Spaltung und die Verantwortung gegenüber dem Frieden. In Polen dagegen große Gedenkfeiern.
- 20. Juli: Kanzler Scholz und Präsident Steinmeier hielten zentrale Reden im Bendlerblock.
- 2. August: Schwesig vertrat Deutschland in Auschwitz. Der Antiziganismusbeauftragte Daimagüler veröffentlichte ein Statement.
- 23. August: Der sächsische CDU-Landtagsabgeordnete Lars Rohwer erinnerte auf X an die Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus und betonte die Bedeutung des 1939 unterzeichneten Hitler-Stalin-Pakts für den Beginn des Zweiten Weltkriegs.
- 10. Mai: Der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda erinnerte an die Bücherverbrennungen und sprach von der Verantwortung, die Freiheit des Wortes zu verteidigen.
- Volkstrauertag: Steinmeier und Scholz bei zentraler Gedenkfeier in Berlin.
Die Medienmaschine
Die mediale Resonanz pro Gedenktag schwankt:
- Spitzenreiter wie der 27. Januar oder 20. Juli werden umfangreich in den Leitmedien begleitet.
- Andere wie der 10. Mai oder der 23. August werden eher spärlich erwähnt.
- Trotzdem finden sich zu jedem dieser Tage Beiträge in Nachrichtenportalen, Social-Media-Kanälen von Politikern und im öffentlich-rechtlichen Programm.
- Da grundsätzlich vor und nach einem Gedenktag darauf vorbereitet bzw. nachbereitet wird, herrscht im deutschen Medienblätterwald ein nahezu konstantes Gedenksummen.
Fragen zum Gedenkbetrieb
Die Frage lautet nicht, ob Gedenken gut ist. Sondern: Was passiert, wenn es zum politischen Ritual wird? Wenn fast monatlich dieselben Appelle fallen, dieselben Gesten folgen und dieselbe Botschaft laut wird?
Ist das dann noch wirkliches Gedenken oder nur noch politische Selbstinszenierung?
Werden Kritiker des Schuldkultes mit solch extremer Ablehnung überzogen, weil ihre Kritik illegitim ist – oder weil sie die Selbstinszenierung der politischen Klasse stören?
Fazit: Der Schatten permanenter Schuld
Die Überinszenierung von Erinnerung führt zu einer Trivialisierung. Die permanente moralische Instrumentalisierung der deutschen Schuld im politischen Diskurs führt zu einer Übersättigung in der Bevölkerung. Es entsteht ein Zustand, in dem das Dauergedenken nicht mehr überzeugend wirkt und als leere Geste empfunden wird.
Der Lehrspruch, dass diejenigen, die aus der Geschichte nicht lernen, verdammt sind, sie zu wiederholen, hat sich mittlerweile als sinnlos erwiesen. Denn Deutschland führt seit dem Jugoslawienkrieg wieder Angriffskriege – und tut aktuell erneut alles, um einen direkten Konflikt mit Russland zu provozieren. Diese Mahnung ist längst zur hohlen Floskel verkommen.
Deutschland steht mit seiner Form der ritualisierten Dauertrauer international allein da.
Andere Nationen gedenken, aber sie inszenieren sich nicht permanent. In Frankreich dominiert der 8. Mai, in England der Remembrance Sunday. Doch dort ist Gedenken Teil eines Nationalbewusstseins – nicht dessen Ersatz.
Wir täten gut daran, wieder zu einer ehrlichen Form des Gedenkens, der Trauer und Mahnung vor vergangenen Fehlern zurückzukehren – so wie das in frischer Erinnerung in den Nachkriegsjahren umgesetzt war.




